Neue Deutsche Welle erklärt
Die Neue Deutsche Welle erklärt: vom Untergrund in Düsseldorf, Hamburg und West-Berlin 1979 bis zum Hitparadenboom 1982 und 1983, mit den wichtigsten NDW-Bands und Platten.
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Die Neue Deutsche Welle, kurz NDW, ist die deutschsprachige Spielart von New Wave und Post-Punk in der Bundesrepublik, etwa von 1979 bis 1984. Sie begann als Szene kleiner Labels, Fanzines und Kunsthochschulbands in Düsseldorf, Hamburg und West-Berlin und endete nur wenige Jahre später als Hitparadenboom, der 99 Luftballons, Da Da Da oder Major Tom in die Charts und teils um die Welt brachte.
Wer über NDW-Bands spricht, sollte die beiden Hälften auseinanderhalten. Die frühen Gruppen waren experimentell, politisch und oft unbequem. Die späteren Hits waren leicht, eingängig und manchmal reine Schlagerware mit Synthesizer. Beides heißt NDW, und genau das macht die Geschichte interessant.
Der Name
Der Begriff tauchte 1979 in der Hamburger Musikzeitschrift Sounds auf. Meist wird er Alfred Hilsberg zugeschrieben, der im Herbst 1979 einen langen Artikel über die neuen deutschen Bands schrieb. Manche Quellen verweisen auf eine frühere Anzeige eines Hamburger Plattenladens im selben Heft. Hilsberg gründete danach ZickZack, eines der wichtigsten Labels der frühen Szene.
Gemeint war eine Unabhängigkeitserklärung. Zum ersten Mal bestand eine Generation deutscher Rockbands darauf, in ihrer eigenen Sprache zu singen und keine britischen oder amerikanischen Vorbilder zu kopieren. Das war 1979 keineswegs selbstverständlich: Deutsch singen hieß bis dahin für viele Schlager oder Liedermacher.
Der Untergrund 1979 bis 1981
Die frühe NDW stand dem Post-Punk nahe und wuchs aus der deutschen Punk-Szene von 1977 und 1978, wie sie unsere Geschichte des Punk beschreibt.
- Düsseldorf. Treffpunkt war der Ratinger Hof in der Altstadt. Aus Mittagspause gingen Fehlfarben hervor, deren Album Monarchie und Alltag 1980 erschien und bis heute als eine der besten deutschen Rockplatten gilt. DAF, 1978 gegründet, bauten aus Sequenzer und Schlagzeug harte, minimale Tanzmusik. Der Plan betrieb das Label Ata Tak, auf dem auch Andreas Dorau mit Fred vom Jupiter erschien.
- Hamburg. Hier saßen Sounds, ZickZack und der Laden mit Label Rip Off. Abwärts veröffentlichten 1980 Amok Koma, Palais Schaumburg mischten Funk, Geräusch und absurde Texte.
- West-Berlin. Die radikalste Szene, rund um Kreuzberg und das SO36. Einstürzende Neubauten arbeiteten mit Schrott und Bohrmaschinen, Malaria! und Mania D mit Trommeln und Sprechgesang. Im September 1981 versammelte das Festival Genialer Dilletanten, absichtlich falsch geschrieben, diese Seite der Szene.
Im Hintergrund stand der Produzent Conny Plank, dessen Studio bei Köln schon den Krautrock geprägt hatte. Er arbeitete mit DAF und vielen anderen. Der Einfluss von Kraftwerk zieht sich durch die gesamte elektronische Seite der Bewegung.
Der Boom 1981 bis 1983
Ab 1981 entdeckte die Industrie den deutschsprachigen Pop. Ideal aus Berlin mit Annette Humpe hatten mit ihrem ersten Album Erfolg. Trio aus Großenkneten veröffentlichten 1982 Da Da Da, einen Song, der kaum mehr als einen Rhythmus aus einem kleinen Casio-Keyboard, ein paar Worte und viel Witz enthielt, und landeten damit einen Hit in ganz Europa. Es folgten Spider Murphy Gang aus München, Extrabreit aus Hagen, Joachim Witt, Markus, Hubert Kah und Peter Schilling mit Major Tom. Aus Österreich kam Falco mit Der Kommissar.
Der größte Erfolg gehörte Nena. Die Band veröffentlichte im Januar 1983 99 Luftballons, einen Song über eine Kettenreaktion, die in einen Krieg führt, geschrieben auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte. Er erreichte Platz eins in der Bundesrepublik, 1984 in der deutschen Fassung Platz zwei in den USA und im März 1984 als 99 Red Balloons Platz eins in Großbritannien.
Der Absturz 1983 und 1984
Der Boom zerstörte sich selbst. Fast jeder, der deutsch zum Synthesizer sang, bekam einen Vertrag, und die Hitparade füllte sich mit Spaßliedern und Kopien. Viele Originalbands lehnten das Etikett öffentlich ab. 1984 brachen die Verkäufe ein, und für einige Jahre war NDW fast ein Schimpfwort. Einige der ernsthafteren Gruppen, von DAF bis Einstürzende Neubauten, machten danach internationale Karrieren, die mit dem NDW-Bild wenig zu tun hatten.
NDW-Bands und Platten, mit denen man anfangen sollte
- Fehlfarben, Monarchie und Alltag (1980). Das zentrale Album des Untergrunds, wütend und genau.
- DAF, Alles ist gut (1981). Die Vorlage für elektronische Körpermusik.
- Der Plan, Geri Reig (1980). Billige Elektronik und absurder Humor.
- Abwärts, Amok Koma (1980). Hamburger Punk auf dem Weg zum Post-Punk.
- Einstürzende Neubauten, Kollaps (1981). Lärm als Musik.
- Ideal, Ideal (1980). Die Brücke vom Untergrund in die Charts.
- Trio, Da Da Da (Single, 1982). Minimalismus als europaweiter Hit.
- Nena, Nena (1983). Der Höhepunkt der kommerziellen NDW.
Vier Songs, die die NDW erklären
- Fehlfarben, Ein Jahr (Es geht voran) (1980). Vom Album Monarchie und Alltag. Ein trockener Blick auf ein Jahr Bundesrepublik zu einem treibenden, fast tanzbaren Bandsound, der bekannteste Song der Untergrundphase.
- DAF, Der Mussolini (1981). Zwei Männer, ein Sequenzer, ein Schlagzeug. Provokant, minimal und tanzbar, ein Song, der zeigt, wie weit sich die Szene vom Rock entfernt hatte.
- Ideal, Blaue Augen (1980). Berliner New Wave mit Pop-Refrain, der Moment, in dem der Untergrund das Radio fand.
- Trio, Da Da Da (1982). Der Witz, der zum europäischen Hit wurde, und an dem man Charme und Grenzen des Booms gleichzeitig hört.
Wer diese vier Songs nacheinander hört, versteht in einer Viertelstunde, wie sich die NDW in nur zwei Jahren von der Kunsthochschule in die Hitparade bewegte, und warum viele Beteiligte dem Ergebnis mit gemischten Gefühlen gegenüberstanden.
Wie die NDW ins Gesamtbild passt
Die NDW ist das deutsche Kapitel des New Wave, mit demselben Weg von Kleinlabels zu Major-Kampagnen, nur auf vier Jahre zusammengedrängt. Die Berliner Seite hat Verbindungen zum New Yorker No Wave, weil beide Szenen mit Lärm und Verweigerung arbeiteten. Für den internationalen Vergleich lohnt der Überblick über die wichtigsten New-Wave-Bands.
Häufige Fragen
Welche NDW-Bands sind die bekanntesten?
In der Hitparade Nena, Trio, Ideal, Extrabreit, Spliff, Spider Murphy Gang, Markus, Peter Schilling und Joachim Witt. Im Untergrund DAF, Fehlfarben, Der Plan, Abwärts, Palais Schaumburg, Mittagspause und Einstürzende Neubauten. Falco aus Österreich wird mit Der Kommissar oft dazugezählt.
Wann war die Neue Deutsche Welle?
Die Anfänge liegen 1979, als der Begriff in Sounds auftauchte und die ersten deutschsprachigen Bands auf Kleinlabels erschienen. Kommerziell lag der Höhepunkt 1982 und 1983. Ab 1984 war der Boom vorbei.
Gehört Kraftwerk zur NDW?
Nein. Kraftwerk aus Düsseldorf waren seit 1970 aktiv und haben die elektronische Seite der NDW stark beeinflusst, gehörten aber nicht zur Bewegung. Dasselbe gilt für die Krautrock-Bands der Siebziger.
Warum war die NDW so schnell vorbei?
Zwischen 1981 und 1983 nahmen die Plattenfirmen fast alles unter Vertrag, was deutsch sang und einen Synthesizer hatte. Der Markt füllte sich mit Spaßliedern und Kopien, viele Originalbands distanzierten sich vom Etikett, und das Publikum wandte sich ab.