Post-Punk erklärt
Was Post-Punk ist, wie er ab 1977 aus dem Punk entstand, wie er klingt und welche Bands und Labels ihn prägten, von Manchester und Leeds bis Düsseldorf und West-Berlin.
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Post-Punk ist die experimentelle Musik, die zwischen etwa 1977 und 1984 auf Punk folgte. Die Bands übernahmen von Punk die Unabhängigkeit, die kleinen Labels und die Ablehnung von Starkult, verabschiedeten sich aber vom Rock’n’Roll, den Punk gerade wiederbelebt hatte. Stattdessen kamen schwere Dub-Bässe, kratzige Funkgitarren, Drumcomputer, Lärm, Synthesizer und Texte über Arbeit, Konsum, Politik und Vereinzelung. Punk hatte gesagt, jeder kann spielen. Post-Punk fragte, was man sonst noch spielen kann.
Der Begriff setzte sich erst später durch, die Musik wurde aber sofort wahrgenommen. Die britischen Wochenzeitungen feierten sie 1978 und 1979 als das Spannendste im Rock. Der Autor Simon Reynolds schrieb mit Rip It Up and Start Again das Standardwerk dazu und setzt die Epoche von 1978 bis 1984 an.
Wie Post-Punk klingt
Unter dem Namen laufen sehr verschiedene Bands, aber einige Merkmale hört man fast überall:
- Der Bass führt. Peter Hook bei Joy Division, Jah Wobble bei Public Image Ltd und Dave Allen bei Gang of Four spielen melodische oder dubschwere Linien, die den Song tragen.
- Gitarre als Rhythmus und Geräusch. Dünn, höhenreich, abgehackt, oft ohne Riff und ohne Solo.
- Raum. Produzenten wie Martin Hannett oder Dennis Bovell arbeiteten mit Hall, Pausen und Trennung, wie sie es aus Reggae und Dub kannten.
- Maschinen. Drumcomputer, billige Synthesizer und Bandschleifen, besonders in Sheffield, Düsseldorf und Berlin.
- Texte mit Kopf. Gang of Four über Freizeit und Lohnarbeit, Joy Division über Entfremdung, The Fall über englischen Alltag, The Slits über weibliche Selbstbestimmung.
Die ersten Platten 1977 bis 1979
Wire zeigten Ende 1977 mit Pink Flag die Richtung: 21 Stücke, mehrere kürzer als eine Minute, auf die Idee reduziert. 1978 gründete John Lydon, bei den Sex Pistols noch Johnny Rotten, Public Image Ltd. Ihre Single Public Image und das Album First Issue waren ein klarer Bruch mit der alten Band. Metal Box erschien 1979 als drei Maxis in einer Filmdose und wurde zum Vorbild für Rock auf Dub-Basis.
Im selben Jahr kamen Unknown Pleasures von Joy Division im Juni auf Factory, Entertainment! von Gang of Four im September und Cut von The Slits, produziert vom Reggae-Produzenten Dennis Bovell. In den USA hatten Pere Ubu aus Cleveland 1978 The Modern Dance veröffentlicht, und auch Talking Heads bewegten sich mit Fear of Music 1979 in diese Richtung.
Städte und Labels in Großbritannien
- Manchester. Factory Records, 1978 von Tony Wilson und Alan Erasmus gegründet, mit Joy Division, A Certain Ratio und Durutti Column. Dazu Buzzcocks, Magazine und The Fall.
- London. Rough Trade, 1976 als Laden eröffnet und ab 1978 Label, mit The Raincoats und frühen Singles von Cabaret Voltaire. Mute Records, 1978 von Daniel Miller gegründet, wurde zur Heimat des elektronischen Post-Punk.
- Leeds. Gang of Four, The Mekons und Delta 5 aus dem Umfeld von Universität und Kunsthochschule.
- Sheffield. Cabaret Voltaire und die frühen Human League bauten ihre Musik aus Tonbandgeräten und Synthesizern.
- Schottland. Postcard Records in Glasgow mit Orange Juice und Josef K, Fast Product in Edinburgh mit den ersten Singles von Gang of Four und Human League.
Post-Punk in Deutschland
In der Bundesrepublik entstand ab 1979 eine eigene Variante, die hierzulande meist unter Neue Deutsche Welle läuft, musikalisch aber zum Post-Punk gehört. In Düsseldorf, rund um den Ratinger Hof, gründeten sich DAF, die mit Sequenzer und Schlagzeug einen harten, tanzbaren Minimalismus erfanden, und Fehlfarben, deren Album Monarchie und Alltag 1980 erschien. In Hamburg spielten Abwärts und Palais Schaumburg, in West-Berlin Malaria!, Mania D und Einstürzende Neubauten, die mit Metallteilen und Bohrmaschinen arbeiteten.
Anders als die britischen Bands sangen die meisten deutsch. Das machte sie im eigenen Land hörbar und im Ausland schwer vermittelbar, mit Ausnahmen wie DAF, die in London bei Mute und später bei Virgin veröffentlichten. Wer die Querverbindungen verstehen will, sollte die deutsche und die britische Szene nebeneinander hören.
Joy Division und die dunkle Seite
Joy Division gründeten sich 1976 in Salford und Manchester, kurz nach dem Konzert der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall. Unknown Pleasures erschien 1979. Kurz vor ihrer ersten US-Tournee starb Sänger Ian Curtis am 18. Mai 1980. Closer folgte zwei Monate später, die übrigen Mitglieder machten als New Order weiter. Der kalte, weite Klang der Platten prägte Gothic Rock und große Teile der Musik der Achtziger.
Von Post-Punk in die Achtziger
Ab etwa 1981 verzweigte sich die Bewegung. Ein Teil ging zu Pop und Elektronik und wurde Teil der zweiten Phase von New Wave. Ein Teil ging in Richtung Gothic, von Bauhaus bis The Cure. Ein dritter Teil begründete, was später Indie hieß, am deutlichsten The Smiths mit ihrem Debüt vom Februar 1984. In New York trieben die No-Wave-Bands dieselben Ideen bis zum reinen Lärm.
Fünf Platten für den Einstieg
- Wire, Pink Flag (1977). Punk auf die Idee reduziert.
- Public Image Ltd, Metal Box (1979). Dub-Bass, Gitarrenlärm und John Lydon nach den Sex Pistols.
- Joy Division, Unknown Pleasures (1979). Kälte und Raum, produziert von Martin Hannett.
- Fehlfarben, Monarchie und Alltag (1980). Die deutsche Antwort, mit Texten über Alltag und Stillstand.
- The Raincoats, The Raincoats (1979). Rough Trade, Geige, schiefe Harmonien und eine völlig eigene Art, Band zu sein.
Womit man anfangen sollte
Hören Sie Unknown Pleasures, Entertainment! und Cut nacheinander. Es sind drei völlig verschiedene Antworten auf die Frage, was nach Punk kommt: kalt und melancholisch, politisch und funky, verspielt und auf Reggae gebaut. Danach führt unsere Auswahl der Post-Punk-Bands, die man kennen sollte weiter. Den Hintergrund liefert die Geschichte des Punk, und wie diese Bands zuerst beschrieben wurden, zeigt unser Text über Punk-Fanzines.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Post-Punk von Punk?
Punk ging zurück zum einfachen Rock'n'Roll. Post-Punk nutzte die gewonnene Freiheit, um den Rock'n'Roll hinter sich zu lassen. Die Bands holten sich Ideen aus Dub, Funk, Disco, Krautrock und Avantgarde, und ihre Texte drehten sich eher um Politik und Alltag als um Rebellion als Pose.
Welche deutschen Post-Punk-Bands gibt es?
Aus der Zeit um 1980 vor allem DAF und Fehlfarben aus Düsseldorf, Abwärts und Palais Schaumburg aus Hamburg sowie Malaria!, Mania D und Einstürzende Neubauten aus West-Berlin. Viele davon werden auch zur frühen Neuen Deutschen Welle gezählt.
Ist Joy Division Post-Punk?
Ja, Joy Division gelten als die prägende Post-Punk-Band. Sie veröffentlichten Unknown Pleasures im Juni 1979 auf Factory und Closer im Juli 1980, zwei Monate nach dem Tod von Sänger Ian Curtis.
Wann endete Post-Punk?
Die erste Phase gilt um 1984 als abgeschlossen. Viele Bands hatten sich aufgelöst oder waren zu Synthiepop, Gothic oder Indie übergegangen. Ab etwa 2001 kehrte der Stil mit Bands wie Interpol oder Franz Ferdinand zurück.