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Erstpressungen erkennen: so lesen Sie Auslaufrille, Etikett und Hülle

Erstpressungen erkennen: Matrixnummern in der Auslaufrille lesen, Etiketten und Hüllen vergleichen, deutsche Pressungen zuordnen und Diskografien richtig nutzen.

Vinyl Veröffentlicht

Eine Erstpressung erkennen Sie, indem Sie mehrere Hinweise zusammensetzen: die Matrixnummer und Gravuren in der Auslaufrille, das Etikett, die Hülle und die Katalognummer, verglichen mit einem dokumentierten Exemplar. Ein einzelnes Merkmal beweist nichts, denn Etiketten wurden nachgedruckt, Hüllen weiterverwendet und Matrizen länger genutzt als gedacht. Als Erstpressung gilt ein Exemplar aus der ersten Produktionsserie der ersten Veröffentlichung, meist im Ursprungsland. Für deutsche Sammler kommt eine Besonderheit dazu: Viele britische und amerikanische Punkplatten wurden auch in der Bundesrepublik gepresst, und diese Ausgaben sind etwas anderes als das Original. Dieser Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, worauf Sie achten müssen.

Schritt 1: die Auslaufrille lesen

Bevor eine Platte gepresst werden konnte, schnitt ein Ingenieur die Musik in eine Lackfolie und gravierte oder stempelte eine Kennung in den Auslaufbereich. Alle späteren Metallteile und Matrizen tragen diese Kennung weiter. Deshalb ist die Auslaufrille so etwas wie der Fingerabdruck einer Platte.

Was dort stehen kann:

  1. Die Matrixnummer. Meist die Katalognummer plus Seitenangabe, etwa A und B oder 1 und 2, gefolgt von einer Nummer für den Schnitt. Eine 1 am Ende steht oft für den ersten Schnitt dieser Seite, eine höhere Zahl für einen Neuschnitt.
  2. Kennungen für Mutter und Matrize. Manche Presswerke ergänzten Buchstaben oder Zahlen, die zeigen, welche Metallmutter und welche Matrize verwendet wurden. Niedrige Werte sprechen für eine frühe Pressung.
  3. Kürzel des Schneideingenieurs. In Großbritannien findet man auf vielen Punk- und New-Wave-Singles, etwa von Buzzcocks und The Stranglers, die Gravur A Porky Prime Cut, kurz Porky oder Pecko, des Schneideingenieurs George Peckham. Auf amerikanischen Platten zeigen Vermerke wie STERLING oder MASTERDISK, wo gemastert wurde.
  4. Botschaften. Manche Punk- und Post-Punk-Platten tragen kurze eingravierte Sprüche. Fehlen sie auf einem späteren Schnitt, ist das ein schnelles Unterscheidungsmerkmal.
  5. Presswerkzeichen. Eingestanzte Logos oder Kürzel verraten, in welchem Werk gepresst wurde. In der Bundesrepublik waren das unter anderem Werke wie Sonopress in Gütersloh oder Pallas in Diepholz.

So geht es: Platte unter helles Licht halten und kippen oder mit einer Taschenlampe flach über die Oberfläche leuchten. Beide Seiten mit dem Handy fotografieren und heranzoomen. Genau notieren, was dort steht, auch Abstände und Symbole.

Schritt 2: das Etikett vergleichen

Etiketten änderten sich öfter, als man denkt.

  1. Logo und Gestaltung. Labels wurden neu gestaltet oder verkauft. Ein Logo, das erst 1980 eingeführt wurde, kann nicht auf einer echten Pressung von 1977 stehen.
  2. Adresse und Firmentext. Kleingedruckte Firmennamen, Anschriften oder Vertriebsangaben ändern sich mit Umzügen und Vertriebswechseln.
  3. Rechteverwerter. Europäische Platten tragen Angaben wie GEMA, BIEM oder MCPS. Wortlaut und Anordnung unterscheiden sich nach Land und Jahr. Ein GEMA-Vermerk deutet auf eine deutsche Pressung oder Vertriebsausgabe hin. Der Labelcode (LC), 1977 eingeführt und vor allem in Deutschland verwendet, ist ein weiterer Hinweis, aber kein Beweis.
  4. Titelliste und Laufzeiten. Druckfehler, die später korrigiert wurden, sind ein klassisches Merkmal, aber nur, wenn eine Diskografie sie belegt.
  5. Promo-Etiketten. White Labels, Testpressungen und Bemusterungsexemplare mit Sondertext sind eine eigene Kategorie.

Schritt 3: die Hülle prüfen

Hüllen wurden getrennt und oft in größeren Mengen gedruckt. Sie können helfen oder in die Irre führen.

  1. Druckereivermerk. Viele britische Hüllen nennen die Druckerei am Rand oder auf der Rückseite. Ein anderer Name deutet auf eine spätere Auflage.
  2. Zusätzlicher Text. Neuauflagen ergänzen oft eine Zeile, einen Aufkleber oder einen Credit. Die Neuauflage von Spiral Scratch der Buzzcocks aus dem Jahr 1979 nennt Howard Devoto auf der Vorderseite, das Original von 1977 trägt die Adresse des Labels auf der Rückseite. Mehr dazu im Ratgeber Punk-Platten sammeln.
  3. Strichcodes. Sie wurden erst im Lauf der Achtziger auf Hüllen üblich. Ein Strichcode auf einer Hülle zu einer Platte von 1977 ist ein starkes Zeichen für eine spätere Ausgabe.
  4. Machart. Laminiert oder nicht, geklebt oder gefaltet, Art der Öffnung. Hier widersprechen sich Sammlerangaben oft, deshalb nur als Zusatzindiz verwenden.
  5. Beilagen und Innenhüllen. Bedruckte Innenhüllen, Textblätter und Poster fehlen bei späteren Auflagen häufig.

Deutsche Pressungen britischer und amerikanischer Platten

Viele Punk- und New-Wave-Platten erschienen in der Bundesrepublik über Lizenz- oder Vertriebspartner, mit eigenen Etiketten, eigenen Katalognummern und manchmal eigenen Hüllen. Diese Ausgaben sind für sich sammelnswert, vor allem wenn sie andere Hüllen oder Titelfolgen haben. Sie sind aber keine Erstpressungen im üblichen Sinn. Achten Sie auf Angaben wie Made in Germany, GEMA-Vermerke, deutsche Firmennamen auf Etikett und Hülle und Presswerkzeichen in der Auslaufrille. Umgekehrt gilt: Bei Platten deutscher Bands, etwa aus der Neuen Deutschen Welle, ist die deutsche Pressung das Original, und ausländische Lizenzausgaben sind die Varianten.

Schritt 4: Diskografien richtig nutzen

Diskografie-Datenbanken verzeichnen viele Pressungen mit Etikettfotos und Abschriften der Auslaufrille. Sie sind das wichtigste Werkzeug, wenn man sie sorgfältig nutzt:

  1. Von der Auslaufrille ausgehen, nicht vom Etikett, und nach exakter Übereinstimmung suchen.
  2. Anmerkungen und Bearbeitungsverlauf lesen. Einträge stammen von Nutzern. Gute Einträge beziehen sich auf echte Exemplare und erklären Unterschiede.
  3. Fotos ansehen, nicht nur den Text.
  4. Mit einer zweiten Quelle abgleichen, etwa einer Labeldiskografie, einem Fachbuch oder einem erfahrenen Händler.

Typische Fallen

  1. Gleiche Katalognummer, andere Pressung. Viele Nachpressungen behielten die Nummer. Nur Auslaufrille oder Etikettdruck unterscheiden sie.
  2. Gemischte Exemplare. Eine Erstpressungshülle mit späterer Platte oder umgekehrt. Immer beides prüfen.
  3. Exportpressungen. Platten, die in einem Land für ein anderes gepresst wurden, mischen Merkmale und werden oft falsch beschrieben.
  4. Zurückgezogene Platten. Die A&M-Pressung von God Save the Queen der Sex Pistols zieht Fälschungen an. Klingt die Geschichte zu gut, vor dem Kauf Fachleute fragen.
  5. Erstpressung als Verkaufswort. Eine Anzeige ist kein Beleg. Verlangen Sie Fotos der Auslaufrille beider Seiten.

Warum das wichtig ist

Bei Punk und New Wave erzählen Erstpressungen Geschichte: welches Label zuerst veröffentlichte, wie klein die Auflage war, wie schnell eine Band zu einer großen Firma wechselte. Gleichzeitig sind es die Platten, die damals am meisten gespielt wurden, ihr Zustand schwankt also stark. Damit sie gut klingen, braucht es neben der richtigen Pressung einen sauber eingestellten Plattenspieler, siehe unseren Plattenspieler-Ratgeber. Lohnende Platten für den Anfang mit Label und Erscheinungsdatum stehen in der Liste der besten Punk-Alben.

Häufige Fragen

Was ist eine Erstpressung?

Ein Exemplar aus der ersten Produktionsserie der ersten Veröffentlichung einer Platte, hergestellt mit den ersten Lackfolien und Matrizen. Gemeint ist meist die Erstpressung im Ursprungsland. Eine deutsche Pressung einer britischen Platte kann selbst eine Erstauflage sein, ist aber keine Erstpressung im Sinne der meisten Sammler.

Wo finde ich die Matrixnummer?

In der Auslaufrille, dem glatten Ring zwischen dem Ende des letzten Stücks und dem Papieretikett. Sie ist eingraviert oder eingestanzt und enthält meist Katalognummer, Seitenangabe und eine Schnittnummer. Am besten liest man sie mit einer Taschenlampe im flachen Winkel.

Klingen Erstpressungen besser?

Oft, aber nicht immer. Frische Matrizen und ein jüngeres Masterband sprechen für die Erstpressung. Manche späteren Ausgaben wurden aber von besseren Quellen neu geschnitten oder sorgfältiger gepresst. Sammlerwert und Klang hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.