Rockmagazine und Punk: von ZigZag und Musikexpress bis Mojo
Wie Rockmagazine über Punk und New Wave berichteten: von ZigZag, Trouser Press und Musikexpress in den 70ern bis zu Q, Mojo und Rolling Stone, die die Geschichte später neu erzählten.
Presse Veröffentlicht
Rockmagazine kamen später zum Punk als Wochenzeitungen und Fanzines, aber sie haben entschieden, wie man sich an ihn erinnert. In den Siebzigern begegneten die meisten Hochglanz-Monatshefte den neuen Bands mit Skepsis. Einige wurden zu echten Unterstützern, allen voran ZigZag in Großbritannien, nachdem Kris Needs 1977 Chefredakteur wurde, und Trouser Press in New York. Ab Ende der Achtziger erzählten neue Monatsmagazine, vor allem Q (1986 bis 2020) und Mojo (erste Ausgabe Oktober 1993), die Geschichte in langen Rückblicken neu und machten Punk und New Wave zu einem Teil des Rock-Kanons. In Deutschland lief dieselbe Entwicklung über Musikexpress, Sounds und Spex. Wir beschreiben diese Magazine in eigenen Worten und zeigen keine Seiten oder Titelbilder.
Wochenblatt, Fanzine, Monatsheft
Die Wochenzeitungen, die wir im Beitrag zur Musikpresse der 70er vorstellen, reagierten innerhalb von Tagen, Fanzines oft innerhalb von Stunden. Ein Monatsheft plante Wochen im Voraus und war auf Anzeigen der Plattenfirmen angewiesen. Das machte es langsamer und vorsichtiger. Dafür hatte es Platz für lange Interviews und gute Fotos, weshalb gerade diese Artikel bis heute zitiert werden.
Die Siebziger: wer Punk ernst nahm
- ZigZag (Großbritannien, 1969 bis 1986). Ursprünglich ein Heft über Westküstenrock, bekannt für die handgezeichneten Stammbäume von Bandbesetzungen von Pete Frame. Mit Kris Needs als Chefredakteur ab 1977 setzte ZigZag bis Ende 1981 auf Punk und die Bands danach. Kaum ein anderes Monatsheft hat so vollständig den Kurs gewechselt.
- Trouser Press (USA, 1974 bis 1984). Von Ira Robbins und Freunden in New York als Magazin für britischen Rock gegründet und deshalb bestens vorbereitet, als Punk und New Wave aus London kamen. Es erklärte die britischen Bands für amerikanische Leser und berichtete zugleich über die Szene im CBGB.
- Rock Scene (USA). Herausgegeben von Lisa und Richard Robinson, ein Fotoheft, das die Bands aus Downtown Manhattan wie Stars behandelte, bevor sie Hits hatten.
- Rolling Stone (USA, seit 1967). Das mächtigste US-Musikmagazin tat sich lange schwer mit den Punkbands. Ab 1979 standen New-Wave-Musiker auf dem Titel, genau in dem Moment, in dem New Wave kommerziell wurde.
- Interview (USA, seit 1969). Andy Warhols Zeitschrift drehte sich um Prominenz und Kunst, nicht um Musik. Weil sie in New York gemacht wurde, tauchten Musiker aus der Downtown-Szene dort als Teil der Kunst- und Modewelt auf.
- Beat Instrumental (Großbritannien). Ein Heft für Musiker, das sich mehr für Verstärker und Aufnahmetechnik interessierte als für Image. Interviews dort verraten, wie Platten entstanden, ein Thema, das die Fanpresse kaum interessierte.
- Oor (Niederlande). Das führende niederländische Musikmagazin berichtete für Leser auf dem Kontinent über britischen und amerikanischen Punk und interviewte Bands auf Europatournee.
Musikexpress, Sounds und Spex
In der Bundesrepublik war der Musikexpress, seit 1969 auf dem Markt, das große Monatsheft für Rock und Pop und eher am Mainstream orientiert. Ernsthafter über Punk schrieb die Zeitschrift Sounds, die 1983 im Musikexpress aufging. Danach übernahm Spex aus Köln, 1980 gegründet, die Rolle der kritischen Stimme. Für die Geschichte der deutschen Szene sind die Jahrgänge 1979 bis 1983 von Sounds und Spex die wichtigsten Quellen, vor allem für die Neue Deutsche Welle. Eine deutsche Ausgabe des Rolling Stone gibt es seit 1994. Sie hat Punk und NDW später in Rückblicken und Jubiläumsheften behandelt.
Warum Blondie in den Magazinen so oft auftaucht
Wer die Monatshefte der Jahre 1978 bis 1981 durchblättert, findet eine Band aus der Punkszene deutlich häufiger als alle anderen: Blondie. Die Band hatte Hits, eine Sängerin, die sich gut fotografieren ließ, und eine Geschichte vom CBGB bis auf Platz eins. Für Magazine, die verkaufsstarke Titelbilder brauchten, war sie die ideale Brücke zwischen Underground und breitem Publikum. Unser Porträt von Blondie erzählt die Geschichte aus veröffentlichten Quellen.
Die Zeit der Rückblicke: Q, Mojo und der Kanon
Ab Ende der Achtziger blickten neue Monatsmagazine vor allem zurück.
- Q (Großbritannien, 1986 bis 2020). Gegründet von Mark Ellen und David Hepworth, Moderatoren der BBC-Sendung Old Grey Whistle Test, als Hochglanzheft für erwachsene CD-Käufer. Bestenlisten und Jubiläumsartikel brachten Punkplatten regelmäßig in den Kanon. Die letzte gedruckte Ausgabe erschien im Juli 2020.
- Mojo (Großbritannien, seit 1993). Vom Verlag Emap mit Gründungschefredakteur Paul Du Noyer gestartet. Lange Reportagen, Oral Histories und Sonderhefte machten Mojo zum wichtigsten Ort, an dem die Geschichte von Punk und New Wave für ältere Leser neu erzählt wurde. Viele Interviews, auf die spätere Bücher zurückgreifen, erschienen zuerst hier.
- Uncut (seit 1997) und Record Collector gingen ähnlich vor. Record Collector konzentriert sich dabei stark auf Platten, Pressungen und Diskografien und ist für Sammler besonders nützlich.
Auch Publikumszeitschriften wie Vanity Fair brachten gelegentlich lange Porträts von Musikern dieser Zeit, meist aus Anlass eines Buches, Films oder Jubiläums.
Wie man Magazine als Quelle nutzt
Rückblicke sind oft besser geschrieben als die ursprünglichen Berichte, aber sie beruhen auf Erinnerung. Ein Musiker, der 2005 über 1977 spricht, verschiebt vielleicht Daten oder erzählt eine Anekdote, die durch häufiges Wiederholen wahr wirkt. Wir halten uns an drei Regeln:
- Fakten aus der Zeit. Erscheinungsdaten, Chartplätze und Konzerttermine nehmen wir aus zeitgenössischen Quellen, Diskografien und Chartarchiven, nicht aus Jubiläumsartikeln.
- Rückblicke für den Zusammenhang. Spätere Interviews sind gut für Motive, Arbeitsweisen und Atmosphäre.
- Widersprüche offen nennen. Wenn Quellen sich widersprechen, sagen wir das und halten offene Fragen in unserer Prüfliste fest, statt die spannendere Version zu wählen.
Alte Ausgaben werden wegen ihrer Interviews und Fotos gesammelt, oft zusammen mit Platten aus demselben Jahr. Wer so sammelt, findet im Ratgeber Punk-Platten sammeln Hinweise zur Zustandsbewertung, die sich sinngemäß auch auf Papier übertragen lassen.
Häufige Fragen
Welche Rockmagazine berichteten zuerst über Punk?
Unter den Monatsmagazinen waren Creem und Rock Scene in den USA sowie ZigZag in Großbritannien früh dran. ZigZag änderte seinen Kurs, als Kris Needs 1977 Chefredakteur wurde. Schneller waren aber die britischen Wochenzeitungen und die Fanzines.
Welche deutschen Musikmagazine gibt es aus dieser Zeit?
Der Musikexpress erscheint seit 1969 und übernahm 1983 die Zeitschrift Sounds. Spex wurde 1980 in Köln gegründet und erschien bis 2018. Die deutsche Ausgabe des Rolling Stone kam erst 1994 dazu.
Gibt es das Q Magazine noch?
Nein. Q wurde 1986 von Mark Ellen und David Hepworth gegründet, die letzte gedruckte Ausgabe erschien im Juli 2020.