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Die Musikpresse der 70er: Creem, die britischen Wochenblätter und Sounds

Creem, NME, Melody Maker, Sounds, Musikexpress und Spex: wie die Musikpresse der 70er funktionierte, wer schrieb und wie sie über Punk und New Wave berichtete.

Presse Veröffentlicht

Die Musikpresse der 70er war der Ort, an dem die meisten zuerst von Punk lasen, lange bevor sie ihn hörten. In den USA war das wichtigste Blatt Creem, ein Monatsmagazin, das Plattenhändler Barry Kramer im März 1969 in Detroit gründete, mit Tony Reay als erstem Chefredakteur. In Großbritannien rangen jede Woche vier Zeitungen um dieselben jungen Leser: NME, Melody Maker, Sounds und Record Mirror. In der Bundesrepublik hieß die wichtigste Adresse ebenfalls Sounds, eine eigenständige Zeitschrift mit gleichem Namen. Dieser Beitrag erklärt, wie diese Blätter arbeiteten, wer für sie schrieb und was sie für Punk und New Wave bedeuteten. Wir beschreiben sie in eigenen Worten und zeigen weder Seiten noch Titelbilder.

Creem: Rockjournalismus aus Detroit

Creem kam aus der lauten Rockszene Detroits und behielt diesen Ton. Barry Kramer betrieb einen Plattenladen mit Headshop, Tony Reay benannte das Heft nach der Band Cream. Die ersten Ausgaben glichen einer Untergrundzeitung, ab den frühen Siebzigern war Creem ein landesweit verkauftes Hochglanzheft mit dem Untertitel America’s Only Rock ‘n’ Roll Magazine. Das Maskottchen, eine Comic-Milchflasche namens Boy Howdy, zeichnete Robert Crumb.

Bedeutend wurde Creem durch seine Autoren. Lester Bangs, Chefredakteur von 1971 bis 1976, schrieb lange, komische und wütende Texte, in denen sein eigenes Leben genauso vorkam wie die Platte. Dave Marsh fing mit neunzehn an. Creem nahm die Stooges, MC5 und die New York Dolls ernst, als die etablierte Presse sie noch belächelte, und der Begriff Punk Rock taucht dort schon Jahre vor 1976 auf, damals für Garagenbands der Sechziger. Dass Creem den Begriff erfunden habe, wird oft behauptet, lässt sich aber nicht sauber belegen.

Als die Ramones und Television im CBGB spielten, war Creem für sie die natürliche Bühne in der amerikanischen Presse. Das Magazin erschien bis 1989, 2022 wurde die Marke wiederbelebt.

Rolling Stone und das Establishment

Rolling Stone, 1967 in San Francisco von Jann Wenner und Ralph J. Gleason gegründet, stand für die andere Seite. Mitte der Siebziger schrieb das Blatt über Politik, Film und die großen Rockstars und tat sich mit der New Yorker Szene schwer. Genau diese Lücke füllten Creem, die Village Voice und neue lokale Blätter.

Die New Yorker Szenepresse

New York Rocker, 1976 von Alan Betrock gegründet, schrieb aus dem Inneren der Szene um CBGB und Max’s Kansas City und brachte lange Artikel über Bands, die noch keine Platte hatten. Rock Scene, herausgegeben von Lisa und Richard Robinson, druckte Schnappschüsse aus Backstage-Räumen und machte die Bands aus Downtown zu Prominenten, bevor sie Hits hatten. In der Village Voice schrieb unter anderem Robert Christgau. Die Szene, über die diese Blätter berichteten, beschreibt unser Beitrag New York Punk. Das Heft Punk vom Januar 1976 war dagegen ein Fanzine und steht unter Punk-Fanzines.

Die britischen Wochenblätter

Jede der vier Zeitungen hatte ihr eigenes Profil:

  1. New Musical Express (NME), gegründet 1952, hatte die höchste Auflage. Anfang der Siebziger schrieben dort Nick Kent und Charles Shaar Murray in einem Ton, der an Creem erinnerte. 1976 suchte das Blatt per Anzeige junge Autoren und stellte Julie Burchill und Tony Parsons ein, die zu den sichtbarsten Punk-Kritikern wurden.
  2. Melody Maker, gegründet 1926, war älter, stärker an Musikern orientiert und kam ursprünglich vom Jazz. Caroline Coon schrieb dort 1976 früh über die Londoner Punkbands.
  3. Sounds, gegründet 1970, war im ersten Punkjahr das offenste Blatt. Jonh Ingham, Giovanni Dadomo, Vivien Goldman und Jon Savage schrieben einige der ersten ernsthaften Texte. Später setzte sich Garry Bushell dort für den Straßenpunk des Oi! ein. Das Blatt wurde 1991 eingestellt.
  4. Record Mirror war am stärksten an den Charts ausgerichtet, gab Singles und Pop viel Platz und wurde später für New Wave und Synthpop wichtig.

Weil die Zeitungen wöchentlich erschienen, konnte eine Band innerhalb weniger Monate von der ersten Kritik bis aufs Titelblatt kommen. Wie schnell das ging, zeigt der Beitrag London 1976.

Sounds, Musikexpress und Spex: der deutsche Blick

In der Bundesrepublik gab es ab 1966 die Zeitschrift Sounds, anfangs stark auf Jazz ausgerichtet, später das Blatt für ernsthafte Rock- und Popkritik. Alfred Hilsberg berichtete dort über die neuen deutschen Bands und half, den Begriff Neue Deutsche Welle bekannt zu machen. Diedrich Diederichsen schrieb dort als Redakteur. Im Januar 1983 wurde Sounds mit dem Musikexpress zusammengelegt, der seit 1969 erschien und eher den Mainstream bediente.

Mehrere Sounds-Leute gingen danach zu Spex. Die Zeitschrift war im September 1980 in Köln von einer Gruppe um Gerald Hündgen und Clara Drechsler gegründet worden, der Name spielt auf die Band X-Ray Spex an. Spex wurde zum wichtigsten deutschsprachigen Magazin für Popkultur und erschien bis 2018. Die Musik, über die Sounds und Spex in diesen Jahren schrieben, behandelt unser Beitrag zur Neuen Deutschen Welle.

Der Unterschied zur britischen Presse lag vor allem im Rhythmus. Die deutschen Blätter erschienen monatlich und konnten auf ein Konzert nicht innerhalb einer Woche reagieren. Dafür hatten sie Platz für lange Texte, in denen über Haltung, Sprache und Politik gestritten wurde. Diese Debatten prägten, wie in Deutschland über Pop geschrieben wird, bis heute.

Warum diese Presse heute noch zählt

Diese Zeitungen waren keine neutralen Beobachter. Sie entschieden, welche Band aufs Titelblatt kam, welche Begriffe sich durchsetzten, und sie stritten über Punk, während er passierte. Wörter wie New Wave oder Neue Deutsche Welle wurden in ihren Spalten bekannt. Originalausgaben werden heute wegen der Interviews und Fotos gesammelt, viele Jahrgänge liegen in Bibliotheken und Archiven. Wie die späteren Monatsmagazine die Geschichte neu erzählten, steht im Beitrag über Rockmagazine.

Häufige Fragen

Was war das Creem Magazine?

Creem war ein monatliches Rockmagazin aus Detroit, gegründet im März 1969 von Barry Kramer, mit Tony Reay als erstem Chefredakteur. Es nannte sich America's Only Rock 'n' Roll Magazine, hatte eine Comic-Milchflasche namens Boy Howdy als Maskottchen und wurde durch Autoren wie Lester Bangs und Dave Marsh bekannt.

Gibt es Creem heute noch?

Das ursprüngliche Magazin erschien bis 1989. 2022 wurde die Marke als Magazin wiederbelebt. Alte Ausgaben aus den Siebzigern werden heute gesammelt, vor allem wegen der Interviews und Fotos.

Welche deutsche Zeitschrift schrieb früh über Punk?

Am wichtigsten war Sounds, das seit 1966 erschien. Autoren wie Alfred Hilsberg und Diedrich Diederichsen schrieben dort über britischen Punk und die junge deutsche Szene. Ab 1980 kam Spex aus Köln hinzu, nach dem Ende von Sounds 1983 das führende Blatt für Popkritik.