Rip Her to Shreds
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Heart of Glass: Bedeutung und Geschichte

Heart of Glass erklärt: wovon der Blondie-Hit von 1979 handelt, wie aus einem Demo von 1975 mit Roland CR-78 ein Discohit wurde und warum Punk-Fans gespalten waren.

Songs Veröffentlicht

Heart of Glass handelt von einer Liebe, die echt aussah und sich als zerbrechlich erwies. Die Erzählerin merkt, dass sie sich hat täuschen lassen, dass das scheinbar Feste die ganze Zeit aus Glas war. Sie singt darüber nicht unter Tränen, sondern mit kühler, fast gelangweilter Gelassenheit. Dieser Gegensatz zwischen traurigem Inhalt und distanziertem, glitzerndem Tanzstück ist der Schlüssel zum Song und der Grund, warum er auch nach mehr als vierzig Jahren funktioniert.

Geschrieben haben ihn Debbie Harry und Chris Stein von Blondie. Aufgenommen wurde er 1978 für das Album Parallel Lines, als Single erschien er im Januar 1979. Wenige Wochen später stand er in Großbritannien auf Platz eins, am 28. April 1979 auch in den amerikanischen Billboard Hot 100. Er machte eine Band aus der New Yorker Punk-Szene zu einer der größten Popbands der Welt und verärgerte viele Punk-Fans.

Worum es im Song geht

Den Text zitieren wir nicht, aber die Geschichte lässt sich in wenigen Sätzen erzählen. Die Erzählerin hatte eine Liebe, die wie die Antwort auf alles wirkte. Sie war es nicht. Ihr wurde ein Herz aus Glas geschenkt, oder vielleicht war ihr eigenes Herz das zerbrechliche, der Song lässt beide Lesarten offen. Am Boden zerstört ist sie nicht. Eher ernüchtert, ein wenig amüsiert über den eigenen Irrtum und bereit weiterzugehen.

Das Bild vom Glas trägt die Bedeutung. Glas wirkt klar, hart und beständig und zerbricht ohne Vorwarnung. Der Song überträgt das auf die Liebe und auf das Vertrauen, das mit ihr kommt.

Diese emotionale Distanz passt zur Musik. Disco war immer schon traurige Tanzmusik: Songs über Einsamkeit und Verlust mit einem Beat, der die Tanzfläche in Bewegung hält. Heart of Glass treibt das weiter. Harrys Stimme schwebt hoch und fast schwerelos über dem Rhythmus, als sähe sie ihrer eigenen Geschichte von außen zu.

Vom Demo 1975 zu Parallel Lines

Der Song ist älter als sein Erfolg. Mitte der Siebziger spielten Blondie eine frühe, deutlich langsamere Fassung mit lockerem Gefühl zwischen Blues und Reggae. Demos aus dieser Zeit kursieren unter dem Titel Once I Had a Love, in der Band hieß das Stück manchmal einfach der Discosong. Zu den ersten beiden Alben passte es nicht und blieb liegen.

1978 nahmen Blondie ihr drittes Album mit Mike Chapman auf, einem australischen Produzenten, der in Großbritannien Hits für The Sweet und Suzi Quatro gemacht hatte. Chapman wollte eine Platte voller Singles. Er nahm den alten Song und baute ihn um eine neue Maschine herum auf: den Roland CR-78, einen Drumcomputer, der im selben Jahr erschienen war. Sein Takt steuerte die Synthesizer, daher das präzise, tickende, leicht stotternde Gefühl. Echtes Schlagzeug kam auf eigenen Spuren zum programmierten Rhythmus dazu, Jimmy Destris Keyboards und Chris Steins Gitarre füllen das Arrangement, ohne es zu überladen.

Heraus kam eine Rockband, die ein Discostück mit elektronischer Präzision spielt. In dieser Größenordnung hatte das kaum jemand vorher getan.

Veröffentlichung und Charts

Parallel Lines erschien im September 1978. Die ersten Singles, Picture This und Hanging on the Telephone, liefen in Großbritannien gut. Heart of Glass folgte im Januar 1979 und erreichte Anfang Februar Platz eins der britischen Charts und blieb dort vier Wochen. In den USA stieg der Song langsamer und stand am 28. April 1979 für eine Woche an der Spitze der Billboard Hot 100. Auch in vielen anderen Ländern wurde er ein Hit.

Es gibt mehrere Fassungen: die Albumversion, eine kürzere Radiofassung und eine lange Discoversion auf Maxi-Single für die Clubs. Ein leichtes Schimpfwort im Gesang wurde für manche Radioausstrahlungen überdeckt.

Warum die Punk-Fans gespalten waren

Für einen Teil des Publikums war Heart of Glass Verrat. Gegen Disco hatte sich Punk definiert, und 1979 war in den USA das Jahr der Anti-Disco-Bewegung, die am 12. Juli 1979 in der Disco Demolition Night bei einem Baseballspiel in Chicago gipfelte. Eine Band aus dem CBGB mit einem Discohit schien die Seiten gewechselt zu haben.

Im Rückblick war der Schritt folgerichtig. Blondie hatten immer mit Popformen gearbeitet. Auf dem Debüt spielten sie mit den Girlgroups der Sechziger, etwa in Rip Her to Shreds. Auf Heart of Glass spielten sie mit Disco, später mit Reggae in The Tide Is High und mit Hip-Hop in Rapture. Die Punk-Haltung lag in der Entscheidung, das überhaupt zu tun, nicht im Gitarrensound.

Nicht allein: Rock trifft Disco

Blondie waren 1978 und 1979 nicht die einzigen Rockmusiker, die Disco ausprobierten. Die Rolling Stones hatten 1978 mit Miss You einen Discogroove veröffentlicht, Rod Stewart im selben Jahr Da Ya Think I’m Sexy?, und 1979 folgten Kiss mit I Was Made for Lovin’ You. Der Unterschied: Diese Bands kamen aus dem Stadionrock und wollten ein neues Publikum. Blondie kamen aus dem Punk und nahmen Disco mit derselben Ironie wie zuvor die Girlgroups. Hinzu kam die Technik. Während die anderen mit Studiomusikern einen Discobeat spielten, ließ Mike Chapman eine Maschine den Takt vorgeben. Das klang kühler und moderner und wies auf die Achtziger voraus.

Was der Song verändert hat

Heart of Glass zeigte, dass New Wave und Tanzmusik keine Gegensätze sind. Der Song machte es normal, dass Rockbands mit Drumcomputer und Sequenzer arbeiten, und bereitete Call Me vor, das Blondie 1980 mit dem Discoproduzenten Giorgio Moroder aufnahmen. Moroder hatte 1977 in München mit Donna Summers I Feel Love den elektronischen Discoklang geprägt, der die Synthesizer-Musik der Achtziger beeinflusste, bis hin zu manchen Bands der Neuen Deutschen Welle.

Zugleich machte der Song Debbie Harry zum weltweiten Bild. Ihr kühler, unbeteiligter Auftritt im Videoclip gehört zu den prägenden Bildern der späten Siebziger.

Weiterlesen

Die ganze Bandgeschichte steht im Porträt von Blondie, den frühen Sound zeigt der Song Rip Her to Shreds von 1976, und weitere Songs der Zeit finden Sie unter den besten New-Wave-Songs.

Häufige Fragen

Was bedeutet Heart of Glass auf Deutsch?

Wörtlich Herz aus Glas. Gemeint ist ein Herz, oder eine Liebe, die klar und fest aussieht und doch leicht zerbricht. Der Song nutzt das Bild für eine Beziehung, die sich als Täuschung herausgestellt hat.

Wer hat Heart of Glass geschrieben?

Debbie Harry und Chris Stein. Eine erste Fassung gab es schon Mitte der Siebziger. Für das Album Parallel Lines von 1978 wurde der Song mit Produzent Mike Chapman neu arrangiert.

Ist Heart of Glass ein Discosong?

In der veröffentlichten Form ja: gerader Viertelbeat, Drumcomputer, Synthesizer und eine lange Maxi-Fassung für die Clubs. Gespielt wurde er aber von einer Rockband aus der Punk-Szene, deshalb zählt er auch zum New Wave.

Welcher Drumcomputer ist auf Heart of Glass zu hören?

Ein Roland CR-78, der 1978 auf den Markt kam. Sein Takt steuerte die Synthesizer, daher der präzise, leicht stotternde Klang. Dazu kam echtes Schlagzeug auf eigenen Spuren.