London 1976: das Jahr, in dem Punk ankam
Punk in London 1976 Monat für Monat: Sex Pistols, das Punk-Festival im 100 Club, The Clash, New Rose von The Damned und das Interview mit Bill Grundy, das Punk zum Skandal machte.
Szenen Veröffentlicht
Punk in London nahm 1976 Gestalt an. Zu Jahresbeginn bestand die Szene aus einer Band, den Sex Pistols, einem Kleiderladen an der King’s Road und ein paar Dutzend jungen Anhängern. Zu Weihnachten stand Punk auf allen Titelseiten, ein halbes Dutzend Bands hatte sich gegründet, die ersten Platten waren erschienen, und jede Boulevardzeitung hatte eine Meinung dazu. Die Wendepunkte waren das Punk-Festival im 100 Club am 20. und 21. September und der Auftritt der Sex Pistols bei Bill Grundy am 1. Dezember.
Das Jahr der Reihe nach.
Vor 1976: der Laden und die Band
Im Zentrum steht ein Laden an der King’s Road 430 in Chelsea, betrieben von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood. 1974 hieß er SEX und verkaufte Gummi- und Lederkleidung und provozierende T-Shirts. McLaren war 1975 mit den New York Dolls in New York gewesen und hatte dort Richard Hells zerrissenen Stil gesehen. Zurück in London nahm er eine Band aus Stammkunden unter seine Fittiche, holte John Lydon als Sänger dazu, der sich bald Johnny Rotten nannte, und die Band hieß nun Sex Pistols. Ihr erstes Konzert spielten sie am 6. November 1975 an der Saint Martin’s School of Art.
Gleichzeitig hielt der Pub Rock in London schnellen Rock’n’Roll am Leben. Dr. Feelgood, The 101ers mit Joe Strummer und Eddie and the Hot Rods waren die Bands, die viele spätere Punks zuerst gesehen hatten.
Januar bis Juni: die Szene formt sich
In der ersten Jahreshälfte spielten die Sex Pistols an Colleges und in kleinen Clubs. Eine Gruppe Fans aus den Vororten folgte ihnen überallhin, später Bromley Contingent genannt: Siouxsie Sioux, Steven Severin, Billy Idol und andere. Im Februar erschienen die ersten Kritiken in der Musikpresse, im Frühjahr spielte die Band regelmäßig im 100 Club an der Oxford Street. Im Juni fuhr sie nach Manchester in die Lesser Free Trade Hall, ein Konzert, das die dortige Szene auslöste.
Juli: die Ramones und das erste Fanzine
Am 4. Juli 1976 spielten die Ramones im Roundhouse in Camden. Ihr Debüt war im Frühjahr aus New York gekommen, und das Konzert zeigte den Londoner Punks, wie schnell und kurz Songs sein konnten. Am selben Abend spielten The Clash in Sheffield ihr erstes Konzert, im Vorprogramm der Sex Pistols. Zwei Tage später debütierten The Damned im 100 Club.
Im Juli brachte Mark Perry, ein Bankangestellter aus Deptford, die erste Ausgabe von Sniffin’ Glue heraus, schnell geschrieben und billig kopiert. Punk brauchte die etablierte Musikpresse nicht mehr.
August: Hitze und Krawall
Der Sommer 1976 war in Großbritannien einer der heißesten und trockensten seit Beginn der Aufzeichnungen. Ende August endete der Karneval in Notting Hill in Auseinandersetzungen zwischen jungen schwarzen Londonern und der Polizei. Joe Strummer und Paul Simonon von The Clash waren dabei, und das Erlebnis floss in die erste Single der Band ein, White Riot, die im folgenden Frühjahr erschien.
September: das Festival im 100 Club
Am 20. und 21. September veranstaltete der 100 Club ein zweitägiges Punk-Festival. Am ersten Abend spielten Subway Sect, Siouxsie and the Banshees, The Clash und die Sex Pistols, am zweiten Stinky Toys aus Paris, Chris Spedding mit The Vibrators, Buzzcocks aus Manchester und The Damned. Siouxsie and the Banshees improvisierten bei ihrem allerersten Auftritt ein langes, chaotisches Set, mit Sid Vicious am Schlagzeug. Am zweiten Abend flog ein Glas, eine junge Frau wurde verletzt, Sid Vicious wurde festgenommen.
Mit diesem Festival wurde aus einem Fanclub eine Szene. Die Musikpresse berichtete, und die Plattenfirmen wurden aufmerksam.
Oktober und November: die ersten Singles
Am 22. Oktober veröffentlichte Stiff Records New Rose von The Damned, die erste Single einer britischen Punk-Band. EMI nahm die Sex Pistols unter Vertrag und brachte am 26. November Anarchy in the U.K. heraus. Rough Trade, im selben Jahr als Plattenladen im Westen Londons eröffnet, verkaufte die neuen Singles und Fanzines über den Tresen.
Dezember: Bill Grundy und die Anarchy-Tour
Am 1. Dezember 1976 saßen die Sex Pistols als kurzfristiger Ersatz für Queen in Today, der Vorabendsendung von Thames Television. Moderator Bill Grundy provozierte die Band und ihre Begleitung, sie fluchten live. Am nächsten Morgen titelte der Daily Mirror The Filth and the Fury. Über Nacht war Punk ein nationaler Skandal.
Die Anarchy-Tour mit Sex Pistols, The Clash, The Damned und den New Yorker Heartbreakers brach zusammen, weil Stadtverwaltungen und Hallen fast alle Termine absagten. Nur eine Handvoll Konzerte fand statt. Zum Jahreswechsel öffnete in Covent Garden das Roxy, der erste Club nur für Punk.
Die Platten zum Jahr
1976 selbst erschienen nur eine Handvoll britischer Punk-Singles. Die Platten, die die Londoner Szene dieses Jahres festhalten, folgten innerhalb weniger Monate:
- The Damned, New Rose (Oktober 1976, Stiff). Die erste britische Punk-Single, zweieinhalb Minuten Tempo.
- Sex Pistols, Anarchy in the U.K. (November 1976, EMI). Die Single, für die der Auftritt bei Grundy werben sollte.
- Buzzcocks, Spiral Scratch (Januar 1977, New Hormones). Die Antwort aus Manchester, im Selbstverlag.
- The Damned, Damned Damned Damned (Februar 1977, Stiff). Das erste britische Punk-Album.
- The Clash, White Riot (März 1977) und The Clash (April 1977, CBS). Der Sommer 1976 in Songs.
Was aus 1976 folgte
Im Januar 1977 trennte sich EMI von den Sex Pistols. Buzzcocks brachten Spiral Scratch im Selbstverlag heraus, und im Laufe des Jahres verbreitete sich Punk im ganzen Land und bald auch in der Bundesrepublik. 1976 hatte das Muster gesetzt: eine Band, ein Laden, ein Fanzine, ein paar Singles und ein Medienskandal. Wie es weiterging, erzählt die Geschichte des Punk. Die amerikanische Seite derselben Geschichte steht auf der Seite über New York Punk, und wie die Wochenzeitungen darüber berichteten, zeigt unser Text über die Musikpresse der 70er. Die Bands selbst stellt die Liste der Punk-Bands vor.
Häufige Fragen
Wer spielte beim Punk-Festival im 100 Club?
Am Montag, dem 20. September 1976, spielten Subway Sect, Siouxsie and the Banshees, The Clash und die Sex Pistols. Am Dienstag, dem 21. September, standen Stinky Toys aus Paris, Chris Spedding mit The Vibrators, Buzzcocks und The Damned auf dem Programm.
Was passierte beim Interview mit Bill Grundy?
Am 1. Dezember 1976 waren die Sex Pistols und Freunde aus ihrem Umfeld kurzfristig als Ersatz für Queen in der Vorabendsendung Today bei Thames Television. Moderator Bill Grundy provozierte sie, und sie fluchten live. Am nächsten Morgen stand die Geschichte auf allen Titelseiten, und die meisten Konzerte der Anarchy-Tour wurden abgesagt.
Warum entstand Punk ausgerechnet 1976 in London?
Mehreres kam zusammen: hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine Rockszene voller teurer Stadionbands, ein kleiner Kreis aus Kunsthochschule und Mode rund um Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, der Pub Rock als Übungsfeld und die neuen Platten aus New York.
Wann kam Punk aus London nach Deutschland?
1977. Britische Punk-Platten kamen über Importläden, die Zeitschrift Sounds berichtete, und erste Bands tourten. In Hamburg, Düsseldorf und West-Berlin gründeten sich daraufhin eigene Gruppen.
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